Christian Morgenstern


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Wie ernst kann man den Ernst eigentlich nehmen? Auch die folgenden Gedichte

von Christian Morgenstern werden diese Frage nicht beantworten können:







Das Grab des Hundes



Gestern war ich in dem Tal,

wo der Hund begraben liegt.

Trat erst durch ein Felsportal

und dann wo nach links es biegt.



Vorwärts drang ich ungestört

noch um ein Erkleckliches -

ist auch niemand da, der hört?

Denn nun tat ich Schreckliches:



Hob den Stein, auf welchem steht,

welchem steht: Hier liegt der Hund -

hob den Stein auf, hob ihn - und -

sah - oh, die ihr da seid, geht!



Sah - sah die Idee des Hunds,

sah den Hund, den Hund an sich.

Reichen wir die Hände uns;

dies ist wirklich fürchterlich.



Wie sie aussah, die Idee?

Bitte, bändigt euren Mund.

Denn ich kann nicht sagen meh

als dass sie aussah wie ein - Hund.

Das Mondschaf



Das Mondschaf steht auf weiter Flur.

Es harrt und harrt der großen Schur.

Das Mondschaf.



Das Mondschaf rupt sich einen Halm

und geht dann heim auf seine Alm.

Das Mondschaf.



Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:

''Ich bin des Weltalls dunkler Raum.''

Das Mondschaf.



Das Schaf liegt am Morgen tot.

Sein Leib ist weiß, die Sonn ist rot.

Das Mondschaf








Der Hecht



Ein Hecht, vom heiligen Anton

bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn,

am vegetarischen Gedanken

moralisch sich emporzuranken.



Er aß seit jenem nur noch dies:

Seegras, Seerose und Seegrieß.

Doch Grieß, Gras, Rose floß, o Graus,

entsetzlich hinten wieder raus.



Der ganze Teich ward angesteckt.

Fünfhundert Fische sind verreckt.

Doch Sankt Anton, gerufen eilig,

sprach nichts als ''Heilig! heilig! heilig!''

Der Lattenzaun



Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.



Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da -



und nahm den Zwischenraum heraus

und baute drauß ein großes Haus.



Der Zaun indessen stand ganz dumm,

mit Latten ohne was herum.



Ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.



Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri-od- Ameriko.







Der Steinochs



Der Steinochs schüttelt stumm sein Haupt,

daß jeder seine Kraft im glaubt.

Er spießt dich plötzlich auf sein Horn

und bohrt von hinten dich bis vorn.

Weh!



Der Steinochs lebt von Berg zu Berg,

vor ihm wird, was da wandelt, Zwerg.

Er nährt sich meist - und das ist neu -

von menschlicher Gehirne Heu.

Weh!



Der Steinochs ist kein Tier, das stirbt,

dieweil sein Fleisch niemals verdirbt.

Denn wir sind Staub, doch er ist Stein!

Du möchtest wohl auch Steinochs sein?

He?

Die Korfsche Uhr



Korf erfindet eine Uhr,

die mit zwei Paar Zeigern kreist

und damit nach vorn nicht nur,

sondern auch nach rückwärts weist.



Zeigt sie zwei, - somit auch zehn;

zeigt sie drei, - somit auch neun;

und man braucht nur hinzusehn,

um die Zeit nicht mehr zu scheun.



Denn auf dieser Uhr von Korfen

mit dem janushaften Lauf

(dazu ward sie so entworfen):

hebt die Zeit sich selber auf.









Die beiden Flaschen



Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,

die eine dick, die andere schlank.

Sie möchten gerne heiraten.

Doch wer soll ihnen beiraten?



Mit ihrem Doppelauge leiden

sie auf zum blauen Firmament...

Doch niemand kommt herabgerennt

und kopuliert die beiden.

Die Trichter



Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.

Durch ihres Rumpfs verengten Schacht

fließt weißes Mondlicht

still und heiter

auf ihren

Waldweg

u.s.

w.







Galgenkinds Wiegenlied



Schlaf, Kindlein, schlaf,

am Himmel steht ein Schaf;

das Schaf, das ist aus Wasserdampf

und kämpft wie du den Lebenskampf.

Schlaf, Kindlein, schlaf.



Schlaf, Kindlein, schlaf,

die Sonne frißt das Schaf,

sie leckt es weg vom blauen Grund

mit langer Zunge wie ein Hund.

Schlaf, Kindlein, schlaf.



Schlaf, Kindlein, schlaf,

Nun ist es fort, das Schaf.

Es kommt der Mond und schilt sein Weib;

die läuft ihm weg, das Schaf im Leib.

Schlaf, Kindlein, schlaf.

Wer denn?



Ich gehe tausend Jahre

um einen kleinen Teich,

und jedes meiner Haare

bleibt sich im Wesen gleich,



im Wesen wie im Guten,

das ist doch alles eins;

so mag uns Gott behuten

in dieser Welt des Scheins!









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