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Hier
gebe ich den Beginn einer bedenklichen
Vorlesung
von Martin Heidegger aus dem Wintersemester 1951/52
wieder.
Ihr Titel lautet: ''Was heißt Denken?'':
''In
das, was Denken heißt, gelangen wir, wenn wir selber
denken.
Damit
ein solcher Versuch glückt, müssen wir bereit sein, das
Denken
zu
lernen. Sobald wir uns auf dieses Lernen einlassen, haben wir
auch
schon
zugestanden, daß wir das Denken noch nicht vermögen.
Aber der
Mensch
heißt doch der, der denken kann – und das mit
Recht. Denn er
ist
das vernünftige Lebewesen. Die Vernunft, die ratio,
entfaltet sich im
Denken.
Als das vernünftige Lebewesen muß der Mensch denken
können,
wenn er nur will. Indes will der Mensch vielleicht denken und
kann
es doch nicht. Am Ende will er bei diesem Denkenwollen zu viel
und
kann deshalb zu wenig. Der Mensch kann denken, insofern er die
Möglichkeit
dazu hat. Allein dieses Mögliche verbürgt uns noch
nicht,
daß
wir es vermögen. Denn wir vermögen nur das, was wir
mögen.
Aber
wir mögen wiederum wahrhaft nur Jenes, was seinerseits uns
selber
und zwar uns in unserem Wesen mag, indem es sich unserem
Wesen
als das zuspricht, was uns im Wesen hält. Halten heißt
eigentlich
hüten, auf dem Weideland weiden lassen. Was uns in
unserem
Wesen hält, hält uns jedoch nur so lange, als wir
selber von
uns
her das Haltende be-halten. Wir behalten es, wenn wir es nicht
aus
dem
Gedächtnis lassen. Das Gedächtnis ist die Versammlung
des
Denkens.
Worauf? Auf das, was uns hält, insofern es bei uns bedacht
ist,
bedacht nämlich deshalb, weil Es das zu-Bedenkende bleibt.
Das
Bedachte
ist das mit einem Andenken Beschenkte, beschenkt, weil wir
es
mögen. Nur wenn wir das mögen, was in sich das
zu-Bedenkende ist,
vermögen
wir das Denken.
Um
das Denken zu vermögen, müssen wir es lernen. Was ist
Lernen?
Der
Mensch lernt, insofern er sein Tun und Lassen zu dem in die
Entsprechung
bringt, was ihm jeweils an Wesenhaftem zugesprochen
wird.
Das Denken lernen wir, indem wir auf das achten, was es zu
bedenken
gibt.
Unsere
Sprache nennt z. B. das, was zum Wesen des Freundes gehört,
das
Freundliche. Dementsprechend nennen wir jetzt das, was in sich
das
zu-Bedenkende ist: das Bedenkliche. Alles Bedenkliche gibt zu
denken.
Aber es gibt diese Gabe immer nur insoweit, als das
Bedenkliche
von sich her schon das zu-Bedenkende ist.
Wir nennen
jetzt
und in der Folge dasjenige, was stets, weil einsther und allem
voraus,
zu bedenken bleibt: das Bedenklichste. Was ist das
Bedenklichste?
Wie zeigt es sich in unserer bedenklichen Zeit?
Das
Bedenklichste ist,
daß
wir noch nicht denken;
immer noch nicht,
obgleich
der Weltzustand fortgesetzt bedenklicher wird...''
einfacher
ausgedrückt:
Denken
bedeutet, selbst aktiv zu überlegen. Dafür muss man
bereit sein, das Denken zu lernen. Das erfordert zuzugeben, dass
man noch nicht gut darin ist. Menschen können denken, weil
sie vernünftig sind. Vernunft zeigt sich im Denken. Jeder
Mensch hat die Fähigkeit zu denken, wenn er will. Manchmal
will man zu viel oder das Falsche denken und schafft es dann
nicht richtig.
Wir
können nur das tun, was wir mögen oder wichtig finden.
Und wir mögen nur das, was uns in unserem Wesen hält,
also uns so akzeptiert, wie wir sind. Dieses „Halten“
bedeutet, dass wir uns selbst treu bleiben. Um das zu tun, müssen
wir uns erinnern, was uns hält. Das Gedächtnis
speichert all das, was wir bedenken, also über das wir
nachdenken.
Was
wir bedenken, ist immer mit einem „Andenken“
verbunden, einem Erinnern, und wir können daran nur Freude
haben, wenn wir es mögen. Nur das, was wir mögen und
als wichtig erkennen, können wir gut bedenken und verstehen.
Denken
lernen heißt, sein Handeln mit dem in Einklang zu bringen,
was wir als wichtig und wahr erkennen. Das geht, indem wir
aufmerksam sind auf das, was wir bedenken müssen.
Man
nennt das, was zum Wesen eines Freundes gehört,
„freundlich“. Ebenso nennt man das, was überlegt
werden muss, „bedenklich“. Etwas zu bedenken
bedeutet, ihm Aufmerksamkeit zu schenken.
Das
Wichtigste, das wir bedenken müssen, ist, dass wir noch
nicht wirklich denken. Trotz aller Probleme und schwierigen
Zeiten hat die Menschheit noch nicht gelernt, wirklich
nachzudenken. Das ist das größte Problem unserer Zeit.
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